Klemens Gutmann: Vom jungen Linken zum Callcenter-Chef und Arbeitgeberpräsidenten | Mitteldeutsche Zeitung

 

Klemens Gutmann war zu Gast beim liberalen Stammtisch im nh-Hotel am 23.05.2017

Jörg Schnurre und Klemens Gutmann beim liberalen Stammtisch
Jörg Schnurre (links) und Klemens Gutmann beim liberalen Stammtisch am 23.05.2017 // Foto: Michael Banditt
Klemens Gutmann an seinem Schreibtisch im Magdeburger Büro
Klemens Gutmann an seinem Schreibtisch im Magdeburger Büro Foto: Uli Lücke – Quelle: http://www.mz-web.de/26248750 ©2017
Doch wer ist er?
  • Klemens Gutmann hat eines der größten Unternehmen in Ostdeutschland aufgebaut.

  • Wie aus einem jungen Linken der Arbeitgeberpräsident von Sachsen-Anhalt wurde.

Paukenschlag in der deutschen Call-Center-Branche: Am 10. März schickt Klemens Gutmann eine Mail los, dass sein Unternehmen Regiocom den Frankfurter Wettbewerber SNT übernommen hat. Die Magdeburger Firma verdoppelt damit die Zahl der Mitarbeiter auf rund 5 000 und wird zu einem Schwergewicht in der Branche. Wenig später folgt noch eine zweite Mail mit einem Bild von ihm und den beiden anderen Regiocom-Gründern und Geschäftsführern Sebastian Kerz und Joan Schlieker. Auf dem Gruppenbild  wendet sich Gutmann lachend diesen zu. Auf den kurzen Hinweis, dass es sich dabei nicht unbedingt um ein „Profi-Bild“ handelt, antwortete er: „Aber es trifft es auf den Punkt.“

Was sagt das Foto über Gutmann? Er schaut von der Kamera weg. Der Scherz mit den Kollegen ist ihm wichtiger als seine Selbstdarstellung. Der 53-Jährige trägt Anzug. Doch während Kerz und Schlicker das Jackett zugeknöpft haben und es gut am Körper sitzt, ist Gutmanns offen und ein wenig knittrig. Das Wort, das ihn ganz gut umschreibt, lautet daher: uneitel.

Durch Magdeburg fährt einer der größten Unternehmer Sachsen-Anhalts mit einem VW Sharan – das Familienauto der Mittelklasse. Sein nächstes Auto könnte nach seinen Worten ein gebrauchter VW Passat werden. Wenn Gutmann spricht, hat man nicht das Gefühl, er wägt groß ab. Er sagt, was er denkt. Für einen IT-Unternehmer ist das nicht ungewöhnlich. Doch seit rund zehn Jahren führt Gutmann auch den Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalt. Dieser ist die Lobbyorganisation der deutschen Unternehmer, die in Lohnverhandlungen mit den Arbeitnehmern immer sagt: Das Glas ist leer – oder zumindest halbleer. Wie passt der in seiner Jugend bekennende Linke heute in das Wirtschafts-Establishment?

Klemens Gutmann hat seine Jugend in Spanien verbracht

Um dem Unternehmer näher zu kommen, muss man zurückblicken. Aufgewachsen ist Gutmann im Schwarzwald – mittendrin. Zur Schule musste er als Grundschüler sieben Kilometer laufen. Vater Lehrer, Mutter Hausfrau. Als Gutmann neun ist, zieht die Familie nach Madrid. Seine Eltern wollen noch mal raus aus den engen Schwarzwaldtälern – was von der Welt sehen. In Spanien wächst Gutmann auf, wird politisiert. Als 1981 das spanische Militär mit einem Putschversuch die Zeit zurückdrehen will, streitet der Jugendliche mit seinen Mitschülern auf Demonstrationen für die Demokratie.

Mitte der 80er Jahre nimmt er in Karlsruhe ein Informatikstudium auf. „Ich wollte was mit Mathe machen.“ Das Studium finanziert er sich mit einem florierenden Weinhandel, nimmt sich aber auch Auszeiten. Als Freiwilliger arbeitet er unter anderem in einem Flüchtlingscamp in Guatemala (Lateinamerika). „Als europäischer Helfer war ich als Bodyguard tätig“, erzählt er. Als Bodyguard? Die von den USA finanziell unterstützte Junta (Miliz) habe keine Camps mit Europäern angegriffen. Sie fungierten als Art Schutzschild.

Zusammen mit Joan Schlieker die erste IT-Firma gegründet

Zurück in Deutschland gründet Gutmann mit Joan Schlieker dann auch seine erste IT-Firma – für einen Diplom-Abschluss als Informatiker bleibt da schon keine Zeit mehr. Er ist ohnehin Autodidakt, spricht vier Sprachen. Neben der Muttersprache sind das englisch, spanisch und niederländisch. Obwohl gebürtiger Badener, wirkt der Unternehmer manchmal recht schwäbisch. Das Motto: „Schaffe, schaffe, schaffe.“ Gutmann: „Ich kann auch nicht anders.“ Schaffen wollten es Gutmann und Schlieker dann auch in Sachsen-Anhalt nach der Wende. In Magdeburg gründen sie ein Telekommunikations-Unternehmen, daraus ging 1996 auch der IT- und Servicedienstleister Regiocom hervor. Der Firmensitz ist in einem herrschaftlichen ehemaligen Industriegebäude. Der Magdeburger Industrielle Hermann Gruson ließ es Ende des 19. Jahrhunderts errichten, in der DDR arbeiteten dort tausende Beschäftigte für den Maschinenbauer Sket. Nach der Wende verfällt der Gebäudekomplex zusehends, bis 2008 Regiocom beherzt zugriff und komplett sanierte.

Doch wie in den Anfangsjahren sitzen die drei Gründer weiter in einem Büro. Gutmann spricht lächelnd vom „Führungskollektiv“. Dieses arbeitet Schreibtisch an Schreibtisch – diese sind freilich aus edlem, braunen Holz. „Ich bin bei uns der Techie“, sagt er. Also der Mann für die Technik.

Das fällt erst einmal schwer zu glauben, denn Gutmann telefoniert mit einem uralten Nokia-Handy – einem Telefonknochen mit Tasten. „Ein Smartphone brauche ich nicht“, sagt der Unternehmer. Braucht er nicht oder vertraut er nicht? Das wird nicht ganz klar. Gutmann sitzt in mehreren staatlichen Ausschüssen zur IT-Sicherheit.

Regiocom musste auch einige schwierige Phasen überstehen

Immer dabei hat er einen sogenannten Token. Das ist ein kleines Hardware-Gerät, das einen sicheren Zugang über das Internet auf den Firmenserver ermöglicht. „Es wird aktuell viel über Datenschutz geredet, das Hauptproblem sehe ich jedoch in der Cyberkriminalität.“ Seine Firma wickelt beispielsweise Kundenabrechnungen für Energieversorger ab. Datenlecks oder gar Manipulationen wären der Gau.

Auch wenn die Geschichte von Regiocom rückblickend wie ein einziger Aufstieg aussieht, so musste die Firma auch einige schwierige Phasen überstehen. „Noch in den 2000er Jahren haben wir einmal in den Abgrund gesehen“, sagt Gutmann. Über die Gründe spricht er nicht, sagt aber weiter: „Solche Existenzsorgen möchte ich nicht wieder erleben.“

In solchen Erlebnissen liegt wohl auch ein Grund, dass Gutmann zusagte, Arbeitgeberpräsident zu werden. „Ich habe immer frei als Unternehmer gearbeitet und möchte, dass der Staat diesen keine Knüppel zwischen die Beine wirft.“ Besonders engagiert er sich in der Bildungspolitik.

Bei der Einführung des Mindestlohns schlugen zwei Herzen in seiner Brust

Von einem anderen Magdeburger Unternehmer und Verbandschef, Klaus Olbricht, bekommt er Lob: „Gutmann mischt sich bei wichtigen Themen ein, bezieht Stellung für die Wirtschaft“, sagt der Chef der Elektromotoren und Gerätebau Barleben GmbH, der auch als IHK-Präsident fungiert. „Und er kümmert sich auch darum, dass es seinen eigenen Leuten gutgeht.“

Gutmann gesteht unumwunden ein, dass es auch Themen gibt, bei denen seine persönliche Meinung mit Verbandsinteressen nicht ganz auf einer Linie liegt. Die Einführung des Mindestlohns ist so ein Fall gewesen. Da hätten zwei Herzen in seiner Brust geschlagen. „Ich finde staatliche Lohneingriffe zwar nicht richtig, doch hat der Pizzabote auch Anspruch auf ein halbwegs auskömmliches Einkommen.“ Als großer Kritiker des Mindestlohns ist Gutmann jedenfalls nicht aufgefallen.

Klemens Gutmann ist engagiert in der Flüchtlingsfrage

Dagegen hat er in der Flüchtlingsdebatte klar Position bezogen, bei der sich viele andere Unternehmer und Wirtschaftslobbyisten weggeduckt haben. Einen Tag vor der Landtagswahl 2016 in Sachsen-Anhalt veröffentlichte Gutmann zusammen mit anderen Magdeburger Unternehmern eine Anzeige, die für ein tolerantes Sachsen-Anhalt warb. „Ich kann jegliche Stimmungsmache auf Kosten Dritter nicht ertragen.“ Das hielt Gutmann jedoch nicht davon ab, frühzeitig darauf hinzuweisen, dass die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt schwierig wird. Regiocom suche vor allem Energie-Experten, doch diese gebe es in der benachbarten Magdeburger Asyl-Unterkunft nicht.

Ohnehin hat die Regiocom-Führung aktuell alle Hände voll zu tun, den zugekauften Call-Center-Anbieter SNT in das Unternehmen zu integrieren. Dem Familienvater Gutmann bleibt für seine Hobbys Kochen und Bootfahren kaum noch Zeit. Fehlt ihm das? „Ich finde es gut so, wie es gerade ist“, sagt er, zuckt mit den Schultern und wirkt dabei recht entspannt. (mz)

Quelle: Klemens Gutmann: Vom jungen Linken zum Callcenter-Chef und Arbeitgeberpräsidenten | Mitteldeutsche Zeitung

Schreibe einen Kommentar